Die unheilige Stadt

Nachdem ich gerade schon ein Weihnachtsgedicht geschrieben habe, wohl wissend dass Februar ist und ich im Sweatshirt in der Sonne sitze, dachte ich, ich hole gleich mal meinen Eintrag zu meinem ersten Besuch in Jerusalem nach, Schreibstimmung passt und die gefühlte Jahreszeit auch.

Das ganze war nämlich ein Adventstreffen für deutsche Freiwillige in Israel, veranstaltet von der Botschaft. Die Freiwilligen, mit denen ich zusammen Sprachkurs habe, haben mir davon erzählt und ich hatte beschlossen mitzukommen. Dass man vorzugsweise eingeladen worden war oder sich zumindest angemeldet hatte, habe ich leider vor Ort erst erfahren, sodass es mir recht unangenehm war, ausgerechnet zu den ersten zwanzig Anwesenden zu gehören, aber gut, was will man machen. Es kamen immer mehr Leute und da einige Organisationen scheinbar viele Volontäre in Israel haben, die sich untereinander kennen, füllte sich der Raum mit immer mehr Wiedersehensfreude, während ich immer noch versucht habe, nicht aufzufallen; dass Annika und Freddi nicht, bzw. spät kommen würden, wusste ich. Erst als der Raum richtig voll wurde und die offiziellen Ansprachen, die viel persönlicher und schöner waren, als man das bei einer Veranstaltung von der Botschaft erwartet, vorbei waren und wir ein paar Spielchen gemacht haben, konnte ich mich richtig entspannen. Und da ist mir erst aufgefallen, wie schön es ist. In Tivon war natürlich nichts vom Advent zu spüren, ich hatte zwar Kekse gebacken, aber die bei 20 ° C auf dem Balkon zu essen ist begrenzt weihnachtlich. Nicht so im kalten Jerusalem. Im Gegensatz zu meinem Adventskranz, den ich provisorisch aus allem annährend Grünen, Haghits Blumen und weißen Kerzen zusammengeschustert hatte, hatten die von der Botschaft echte Tannenzweige, woher auch immer, und rote Kerzen. Die deutschen Nonnen, die das mit veranstaltet haben, hatten Kinderpunsch, Glühwein und kiloweise selbstgebackene Plätzchen vorbereitet, es gab echten Stollen, auf den Fensterbrettern standen Kerzen und alles war einfach so himmlisch weihnachtlich!! Und in diesem Setting stand ein lachender, schwatzender, großteilig kunterbunt angezogener Haufen Jugendlicher, der mir richtig sympathisch war. Ich weiß gar nicht, ob ich die Leute angesprochen habe oder sie mich, wahrscheinlich beides, jedenfalls kannte man auf einmal immer mehr Menschen, stand nett zusammen, die Känguru-Anspielungen und Kirchenwitze flogen nur so umher, die Zahl an Pastorenkindern, Taizé-Ketten und Leuten, die auch Kinder- und Jugendarbeit in ihrer Gemeinde mitmachen, war enorm, die Pizza hat nicht ausgereicht, weil die Küche die Menge an Vegetariern unterschätzt hatte und aus Mangel an Stühlen haben wir uns einfach auf den Boden gesetzt. Gen Ende der Veranstaltung entdeckte noch irgendwer die Liederzettel, bei Strophe zwei setzte sich eine dazu ans Klavier und ein mehrstimmiger, echt guter Gesang erfüllte den ganzen Raum mit Weihnachtsliedern. Ja, da war dann Advent!

Als die Sache sich langsam auflöste, wollten wir verbliebenen zwanzig uns noch nicht trennen, sodass wir noch in bisschen durch die Stadt geschlendert sind, dabei habe ich ua einen zweiten Harzer kennengelernt (Wenn man in Israel Menschen trifft, die die Weltstadt Badenhausen kennen, geht einem echt das Herz auf!). Drei Mädchen, die bis dahin noch keine Unterkunft hatten, haben gefragt, ob sie sich wie ich bei Freddi einquartieren können, und so ging es dann auf in die Westbank. Im Dunkeln bei flackernder Beleuchtung das erste Mal an der Mauer langzugehen, war sehr unheimlich.

Nachdem die drei am nächsten Morgen wegfahren, habe ich von Freddi eine Touri-Tour durch Jerusalem gekriegt, es war inzwischen schon seine vierte, er war also im Training und konnte mir überall was dazu erzählen, sehr praktisch, danke!

Wer gerne von der heiligen Stadt schwärmt, dem empfehle ich wärmstens einen Besuch in der Grabeskirche:

1. Ganz genau dort, das weiß man natürlich sicher, wurde Jesus begraben, natürlich sieht der Stein gaanz anders aus als jeder andere, und es ist auch noch genau die Holzplatte erhalten, auf der er gelegen hat. Und die Holzplatte ist die verwöhnteste der Welt, ihr macht euch nämlich keine Vorstellungen, wie oft sie gestreichelt und mit Öl eingerieben wird. Besonders sehenswert sind die Leute, die sich in Betpose davor fotografieren lassen…

2. „Ihr habt aus diesem Tempel eine Räuberhöhle gemacht“, denke ich, als wir in einen Raum kommen, in dem Priester Kerzen verkaufen, die die Leute bündelweise erwerben, kurz an der Kerze in der Mitte anzünden und dann sofort auslöschen, um sie mit nach Hause zu nehmen.

3. Die Kirche ist ein Labyrinth von Räumen, zugig wie eine Bahnhofshalle, auch ähnlich voll mit drängelnden Leuten (natürlich mit Selfie-Sticks) nur deutlich mehr Gold und Silber und in Bereiche unterteilt, damit die verschiedenen Konfessionen jeder ihren Raum haben. Kein einziger Raum hat Sitzgelegenheiten, Gottesdienste werden hier nicht gefeiert, alles ist nur für Touristen. Und weil die Konfessionen sich gegenseitig nicht über den Weg trauen, hat ein Muslim den Schlüssel zur Kirche.

Sowas Unheiliges! Als wir endlich rausgehen, möchte ich vor Enttäuschung und Wut über diesen Ort am liebsten losweinen! Danach in die deutsche Erlöserkirche zu gehen, eine schlichte, leere Steinkirche, von deren Turm man schön über die Stadt gucken kann, tut meiner Stimmung sehr gut. Wir schauen uns noch die Klagemauer an, die irgendwie kleiner und viel weniger besucht ist als ich das erwartet hatte, laufen auf der Stadtmauer lang, gehen durch die schmalen gemütlichen Gassen der Altstadt mit all den kleinen Lädchen und essen Knaffi, irgendwas arabisches Zuckersüßes, was entfernt was mit Käse zu tun hat.

Für den Touristen von Welt gibt es natürlich auch tonnenweise Souvenirs, meine beiden liebsten sind wohl der Teddy mit Kippa und diese hübschen Dornenkronen:

Abends sitze ich im Bus zurück und nach all dem Deutsch um mich herum, der laute Westbank, und den Mengen von Touristen an den überhaupt nicht mehr heilig erscheinenden Orten, bin ich auch nicht gerade traurig, wieder in mein schönes, israelisches, touristenfreies Tivon zurückzukehren.

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