Look around…

Nun bin ich schon seit 6 Wochen in Blackpool und die Zeit ist wie im Flug vergangen! Viele neue Eindrücke in einer ungewohnten Umgebung, in der ich mich Schritt für Schritt immer besser zurechtfinde. Es heißt also nicht nur look right, look left wie im überfordernden Linksverkehr, sondern auch look around:

Blackpool ist eine Stadt an der Irischen See im Nordwesten Englands, dessen Entwicklung extreme Kontraste bildet. Mit Beginn der Industrialisierung nutzten zunächst nur Adel und reiche Geschäftsleute, später auch Arbeiter und ganze Familien Blackpool als Bade- und Vergnügungsort, sodass Blackpool schnell den Beginn des modernen Massentourismus hervorgerufen hat und auch lange als „Boomtown“ galt. Über die Jahre entstanden drei Piere, der Blackpool Tower als Kopie des Eiffelturms, der berühmte Freizeitpark Pleasure Beach, Spielhallen und die „Illuminations“, ein Lichterfestival. Gleichzeitig ist diese Stadt mit der Weiterentwicklung des Massentourimus immer unattraktiver geworden, auch wenn mit all den bis heute bestehenden Attraktionen versucht wurde dem entgegenzuwirken. Aus dem einst so sorgenfreien Seebad entstand bald ein Küstenort, der dem Strukturwandel zum Opfer gefallen ist. Blackpool ist heute ein Brennpunkt der ökonomischen und sozialen Krise. Mit die höchste Arbeitslosigkeit, die niedrigsten Löhne, die niedrigste Lebenserwartung des Landes und ein Überangebot an billigen Wohnungen sind hier zu verzeichnen. Diese Umstände ziehen Menschen aus Not, Armut, Einsamkeit und auch aus Hoffnung auf wiederkehrende glückliche Zeiten an. Mal sehen, ob die Brexiteers-Hochburg in nächster Zeit ein Wunder erleben darf und positive, große Veränderungen, die ihnen prophezeit und versprochen wurden auch eingehalten werden können…

Der Grund für mein Auslandsjahr in Blackpool verbirgt sich hinter der hier herrschenden Lebensumstände, denn meine Einsatzstelle ist eine Organisation, namens „Streetlife“, die sich um das Wohl bedürftiger, gefährdeter oder auch obdachloser young people (YP) im Alter von 16 bis einschließlich 25 Jahren sorgt und sie unterstützt, wo es nur geht. Meine Aufgaben als Volunteer bestehen darin, zum einen im Tageszentrum, der Base, und zum anderen im nightshelter mitzuwirken.

In der Base habe ich dann entweder Schichten an der Rezeption, wo ich in erster Linie Telefonate annehme, Spenden und Gäste in Empfang nehme, die YP’s willkommen heiße und bei Fragen behilflich bin oder ich befinde mich in der afternoon drop in session. Hier wird in einem großen Raum gemeinsam Pool gespielt, gequatscht und gechillt. Wer möchte, kann auch eine kleine Mahlzeit vom Küchenchef zubereitet bekommen, welche dann tatsächlich oft baked beans mit Toast oder Ei und Käse auf Toast ist :D. Es besteht zudem die Möglichkeit die Computer zu nutzen, um beispielsweise mit Freunden über Social Media zu schreiben. Einmal pro Woche schließt sich die art session an, in der jeder kreativ werden kann. Bei entspannter Musik und Ruhe wird gemalt, gezeichnet oder gebastelt.

Der nightshelter befindet sich 5-10 Minuten von der Base entfernt direkt an einer Kirche im Stadtzentrum. Ich habe zwei bis drei Nachtschichten pro Woche (Mo-So), die von 18:15 – 09:00 Uhr immer gemeinsam mit mindestens einem Kollegen stattfinden. Wir treffen uns dann zunächst an der Base, um gemeinsam die logs des vorherigen Abends zu besprechen (das sind kleine Berichte über jeden anwesenden YP, die jeden Abend geschrieben werden) und gegebenenfalls noch Putzmittel, Kekse, Milch, Zahnbürsten o.ä. aus dem Lager mitzunehmen. Ab 19 Uhr stehen im shelter dann acht Schlafplätze zur Verfügung. Meistens erreicht uns netterweise kurz vorher noch eine warme food donation entweder von einer Privatperson, einem Restaurant oder einer Fastfoodkette, wie KFC oder Domino’s, die dann gegessen wird. Einmal die Woche kochen wir auch gemeinsam unser eigenes Abendessen. Ansonsten spielen wir oft Karten, meistens Black Jack, oder wir reden über Gott und die Welt und ab und zu gucken wir auch einen Film, wenn der Wunsch besteht. Die YP’s sind nicht verpflichtet den Abend im Gemeinschaftsraum zu verbringen, manche ziehen sich auch früh in ihre Räume zurück, um Ruhe zu haben oder zu schlafen. Außerdem haben sie die Möglichkeit zu duschen, Wäsche zu waschen und den shelter einmal am Abend zu verlassen. Um die Nacht jedoch weiter im shelter verbringen zu dürfen, müssen sie spätestens um 22 Uhr zurück sein. Nachtruhe ist dann um 23:30 Uhr. Es muss solche Regeln geben, da ansonsten ein großes Chaos und viel Unruhe entstehen kann. Während der Nacht kann ich schlafen, aber eben mit dem Gedanken, dass ich aufwachen muss sollte jemand klingeln oder etwas sein. Am nächsten Morgen wecken wir alle um 07:45 Uhr und sie können etwas Kleines frühstücken, dann verteilen wir cleaning jobs, wie Fegen, Wischen usw., wobei wir, als staff, auch mithelfen. Zudem bekommen alle ein duty appointment in der Base zugeteilt. In einem one to one- Gespräch mit einem professionellen Mitarbeiter wird zugehört, beraten und geholfen wie in einen geregelteren Alltag zurückgefunden werden kann.

Aus unterschiedlichsten Gründen kommen die YP’s zu „Streetlife“. Viele kommen aus einem schwierigen Elternhaus und haben in ihrem bisherigen Leben schon einiges durchmachen müssen. Sie kennen es nicht unbedingt den Rückhalt seiner Familie zu haben, wenn diese mit Scheidung, Armut, Alkoholismus, Drogenkonsum oder Depression konfrontiert sind. Es muss nicht immer der Extremfall sein, aber trotzdem kommt es aus individuellen Gründen zu Beziehungszusammenbrüchen mit den Eltern oder dem Partner. Ein Teil der YP’s ist schon jahrelang bei „Streetlife“ und hat dort eine Familie gefunden. Dabei sind sie nicht unbedingt obdachlos (waren es eventuell mal) sondern kommen einfach aus Lust und Laune in den drop in. Andere wiederum befinden sich in einem Teufelskreis. Ihre mentale Gesundheit, unzureichende Bildung oder auch Drogenkonsum können immer wieder neue Herausforderungen mit sich bringen und es ihnen schwerer machen Fuß zu fassen. Sie nutzen den shelter also recht oft. Manche Gesichter sieht man hingegen auch kein zweites Mal.

Ich bin froh die Möglichkeit zu haben eine ganz andere Seite des Lebens kennenzulernen, auch wenn dadurch wieder auffällt wie ungerecht es auf der Welt zugeht und dies leider die Realität ist. Man kann sich nicht aussuchen wie und wo man aufwächst. Dies ist durchs Schicksal bestimmt worden. In ein sorgenfreieres Leben aufzubrechen ist aufgrund des Lebensumfelds oftmals einfach nicht gegeben. Umso mehr hoffe ich, dass ich durch meine Arbeit etwas zurückgeben kann.

Übrigens lebe ich in einem typisch englischen Haus, das „Streetlife“ den internationalen Freiwilligen zur Verfügung stellt. Die WG ist für fünf Freiwillige ausgelegt. Ich lebe hier mit Chiara, auch aus der Stiftung und Olivia aus Australien zusammen, aber ihr Aufenthalt in Blackpool ist Ende November leider schon vorbei. Diese Woche ist noch Maxine aus Manchester eingezogen, aber wahrscheinlich erstmal nur übergangsweise. Ich hoffe, dass in nächster Zeit weitere Internationals einziehen.

Ich denke Ihr habt einen guten Einblick in meine Freiwilligenarbeit bekommen, die zwar anstrengend sein kann, aber trotzdem unglaublich bereichernd ist und Spaß bringt. Ich bin weiterhin gespannt auf weitere Erlebnisse und Entdeckungen…

2 Gedanken zu “Look around…

  1. Hallo Phil! 😊
    Dein Bericht hat mich sehr berührt- schön geschrieben.
    Geht’s dir gut?
    Jojo geht’s auf jeden Fall gut- sie hat es dort genau nach ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten getroffen.😄

    Gefällt 1 Person

    1. Hi Katrin, das freut mich zu hören.😊Ja, mir geht’s bestens und ich hoffe dir auch. Muss komisch für dich sein ohne Jojo, aber sie hat eine fantastische Zeit in Südafrika, das stimmt.🌞

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s